Kreuzige ihn!

28. November 2017
von Philipp Scheffbuch
in
schlechtmensch

Das Gericht hat gesprochen, aber natürlich zu milde: Denn Anton Schlecker darf laut Urteilspruch leben, eine Todesstrafe wird bedauerlicherweise nicht angewandt. Stattdessen müssen nur seine Kinder für ein paar Jahre in den Bau, Schlecker senior wird weiter auf freiem Fuß Luxus-Hemden tragen. Das ist nicht zu ertragen. Der Mann ist eindeutig ein Unmensch, ein Betrüger, ein Tyrann. Ganz Deutschland ist sich in dieser Frage einig. Und immer, wenn sämtliche Deutschen einer Meinung sind, ist das etwas sehr Gutes fürs Land. Das wissen wir.

Anton Schlecker ist ein Verlierer. Er hat gegen dm verloren. Gegen Rossmann. Gegen den Zeitgeist. Und gegen Verdi. Keiner in diesem Land mag Verlierer. Verlieren ist böse. Dagegen müssen wir angehen. Verlierer gehören vernichtet. Anders geht es nicht.

Gottseidank gibt es auch Gewinner in unserem Land. Die gehören nicht getötet, die gehören auch nicht in den Knast. Die gehören gelobt und üppig honoriert. So zum Beispiel der Insolvenzverwalter des Schlecker-Imperiums, der sogenannte Anwalt der Gläubiger. Der Mann hat endlos viel gearbeitet und konnte in dem Schlecker-Dickicht wirklich nicht die Schiebereien erkennen, wegen derer jetzt Lars und Meike Schlecker ins Gefängnis müssen. Daraus einen Vorwurf oder gar eine strafrechtliche Konsequenz abzuleiten, wäre doch aberwitzig. Der Insolvenzverwalter hat einen BWL-Abschluss, sogar an der Uni. Insolvenzverwalter sind wirklich keine Verlierer, das sind die Guten. Völlig zu recht kassiert er trotz des Versäumnisses jetzt einen hohen Millionenbetrag als Honorar.

Gewinner sind selten selbstständig. Die meisten Gewinner sind angestellt, so auch Professor Dr. Martin Winterkorn. Gottseidank erkennt die Justiz bisher anscheinend, dass der langjährige VW-Chef keinesfalls verantwortlich sein kann für den VW-Skandal. Es wäre auch zu absurd, wenn ein Vorstandschef am Schluss für die Betrügereien seiner Mitarbeiter strafrechtlich haften müsste. Man sollte wirklich die Kirche im Dorf lassen: Ging es doch eigentlich nur um Abgas-Schummeleien. Schön, dass Volkswagen das ähnlich sieht und Winterkorns bescheidenen Vertrag annähernd ausbezahlt hat.

Die meisten Gewinner in diesem Land sitzen in Aufsichtsräten. Sie treffen sich immer wieder und kontrollieren gewissenhaft. Aber bitte: Wirklichen Einblick können sie bei ihren Meetings in tristen Konferenzräumen natürlich nicht erlangen. Insofern ist auch wenig überraschend, dass der Aufsichtsrat in Wolfsburg den VW-Skandal aus der Zeitung erfahren hat. Völlig unangemessen wäre es deshalb, wenn die Staatsanwaltschaft gegen VW-Aufsichtsrat-Mitglieder wie den niedersächsischen Ministerpräsidenten oder den ehemalige IG-Metall-Chef vorgehen würde.

Wir Deutsche müssen Maß und Mitte bewahren. Volkswagen ist extrem gut für uns alle. Schlecker ist die gierige Krämerseele. Er ist der wirklich Böse in unserem Land. Weg mit ihm.

 

 

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